Junge Migranten sind anfällig für psychische Erkrankungen

Traumatische Erlebnisse, Missbrauchserfahrungen und Armut gefährden psychische Gesundheit vieler minderjähriger Geflüchteter

30. April 2020

Krieg, Folter, Menschenhandel und extreme Armut sind nur einige schreckliche Situationen, denen Flüchtlinge vor und während ihrer Flucht ausgesetzt sein können. Solche Erfahrungen machen die Betroffenen auch noch Jahre später anfällig für psychische Erkrankungen. Als wäre das nicht genug, müssen Flüchtlinge häufig auch nach ihrer Ankunft in Deutschland unter psychisch belastenden Bedingungen leben. Eine Gruppe von Forschern um Hannelore Ehrenreich vom Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin in Göttingen hat nun gezeigt, dass die Psyche junger Geflüchteter mit jedem weiteren Risikofaktor mehr belastet wird. Die Folgen sind eine verminderte Leistungsfähigkeit und Verhaltensauffälligkeiten, die sich später auch in aggressivem und kriminellem Verhalten äußern können. Umso wichtiger ist es, Flüchtlinge einfühlsam zu begleiten und ihnen die Möglichkeit zu geben, der Spirale negativer Erlebnisse zu entkommen.

Traumatische Erlebnisse, körperlicher und sexueller Missbrauch, Konsum von Cannabis und Alkohol, Leben in Großstädten – all dies sind Faktoren, die das Auftreten von psychischen Störungen begünstigen. Treffen auf eine Person gleich mehrere dieser Risikofaktoren zu, und das sogar noch vor dem 20. Lebensjahr, fällt diese später außerdem häufiger durch aggressives und kriminelles Verhalten auf.

Diese Beobachtung aus vorherigen Arbeiten brachte eine Gruppe Göttinger Forscher dazu, eine bestimmte Risikogruppe näher unter die Lupe zu nehmen: Minderjährige Geflüchtete, die häufig nicht nur in ihrem Herkunftsland und auf der Flucht traumatische Erfahrungen machen, sondern oft auch nach ihrer Ankunft in Deutschland psychisch belastenden Lebensumständen ausgesetzt sind. Die Wirkung dieser Risikofaktoren ist bei Jugendlichen umso stärker, da sich ihr Gehirn noch in der Entwicklung befindet und besonders sensibel auf Störungen reagiert.

Interviews mit Geflüchteten

Um besser zu verstehen, wie stark junge Flüchtlinge mit schädlichen Umweltfaktoren belastet sind und was dies für ihre geistige Gesundheit bedeutet, führten die Forscher detaillierte Interviews mit 133 Geflüchteten. Im Durchschnitt waren die Studienteilnehmer 22 Jahre alt und galten als gesund. Viele waren als unbegleitete Minderjährige nach Deutschland gekommen. Neben den Interviews untersuchten die Forscher die Studienteilnehmer außerdem auf körperliche Gesundheit und erfassten mithilfe von strukturierten Interviews erste Anzeichen von Verhaltensauffälligkeiten.

„Viele Geflüchtete sind einer erschreckenden Anzahl von Risikofaktoren ausgesetzt“, berichtet der Erstautor der Studie, Martin Begemann. Über 95 Prozent der Geflüchteten sind zusätzlich zur eigentlichen Fluchterfahrung von weiteren belastenden Lebensereignissen, Gewohnheiten oder Lebensbedingungen betroffen, die sie anfälliger für psychische Erkrankungen machen. Bei der großen Mehrzahl stellten die Forscher zwei, drei oder gar mehr als vier zusätzliche Risikofaktoren fest. Etwa die Hälfte der Studienteilnehmer hatte traumatische Erlebnisse vor und während der Flucht erlebt, ein Viertel der Studienteilnehmer hatte körperlichen und sexuellen Missbrauch erlitten. So trugen etwa 40 Prozent der Studienteilnehmer Narben oder Wunden von Stich- und Schussverletzungen, Explosionen oder Verbrennungen davon.  Vier junge Männer zeigten eindeutige psychotische Symptome, zwei davon mit Suizidgedanken.

Anzahl der Risikofaktoren ist entscheidend

Insgesamt stellten die Wissenschaftler fest: Je mehr Risikofaktoren bei einer Person vorhanden waren, desto stärker war ihre Leistungsfähigkeit bereits vermindert und desto eher zeigte sie erste Anzeichen von psychischen Auffälligkeiten. Weniger wichtig war, welche Risikofaktoren genau vorhanden waren. Interessanterweise konnten auch enge und stabile menschliche Beziehungen die Geflüchteten nicht vor diesen negativen Auswirkungen schützen: Ob eine Person in Begleitung von Familie oder Freunden geflüchtet war oder zum Zeitpunkt der Studie ein gutes soziales Netzwerk hatte, beeinflusste ihren aktuellen psychischen Zustand nicht. Die Autoren vermuten, dass soziale Unterstützung, nur einen schwachen schützenden Effekt hat.

Wie viele der Jugendlichen tatsächlich später psychologisch auffällig oder gar straffällig geworden sind, werden die Forscher erst in einigen Jahren feststellen können. Sie rechnen allerdings damit, dass sie nur etwa die Hälfte der Teilnehmer erneut kontaktieren können. Die Spur der anderen wird durch die vielen Verlegungen zwischen Flüchtlingszentren und durch Abschiebungen ins Herkunftsland verloren gehen.

Was also kann man schon jetzt tun, um die schlechte Prognose für stark belastete Flüchtlinge zu verbessern? „Da jeder weitere Risikofaktor auch die Wahrscheinlichkeit für späteres aggressives Verhalten, Kriminalität und psychische Störungen erhöht, müssen wir verhindern, dass sich noch mehr belastende Faktoren anhäufen“, betont Ehrenreich. Denkbar wäre zum Beispiel, Geflüchtete engmaschig medizinisch und psychologisch zu betreuen und ihnen erste einfache Arbeitstätigkeiten und Sprachkurse zu vermitteln, noch bevor eine endgültige Entscheidung über ihren Aufenthaltsstatus gefallen ist. Dies könnte ihnen dabei helfen, sich aus beengten Wohnverhältnissen zu befreien, wo sie mit Langeweile, Gewalt und Drogen konfrontiert sind.

MT/HR

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